Blog

Asiatische Kampfkünste

Asiatische Kampfkünste: Training für Körper und Geist

Asiatische Kampfsportarten schulen nicht nur die Kondition und das Reaktionsvermögen. Richtig angewendet, sind sie vielmehr eine Lebenseinstellung, die weit über Selbstverteidigung hinausgeht und dabei hilft, zur Ruhe zu kommen. Wir haben das einmal ausprobiert und kamen tatsächlich entspannt vom Karatetraining zurück.

Ein Schrei. Laut und schrill. Und dann noch einer. Ich zucke zusammen, bleibe stehen und zweifle kurz. Will ich da wirklich rein? Dann gebe ich mir einen Ruck, drücke die Klinke herunter und öffne die Tür. Ich sehe eine Gruppe von Frauen und Männern, alle in weiß gekleidet. Sie laufen nebeneinander her, schlagen in die Luft – dann schreien sie wieder.

Wie albern, ist das erste, was mir durch den Kopf schießt. Gerade als ich darüber nachdenke, auf dem Absatz kehrt zu machen, spricht mich eine der weißen Gestalten an. „Sie kommen zum Probetraining, richtig?“. Ein kurzes „Ja“ später finde ich mich inmitten einer Gruppe wieder, die darauf wartet, dass das 18-Uhr-Training beginnt. Als ich sehe, dass einige von ihnen auch nur ganz normale Sportklamotten tragen, fühle ich mich direkt wohler. Zeit für Gespräche, die länger dauern als „Hallo, bist Du neu hier?“ bleibt aber nicht. In den nächsten Minuten fühle ich mich wie beim Vokabeltraining. „Senei“ heißt Trainer, die Trainingshalle wird „Dojo“ genannt und ich bin – zumindest für heute – ein „Karateka“, was so viel heißt wie Schüler.

Rituelle Begüßung

Dass Etikette im Karate großgeschrieben wird, hatte ich bei meiner Internetrecherche aufgeschnappt. Und was das bedeutet, erfahre ich sofort. Jedes Training beginnt mit einer rituellen Begrüßung. Dabei werden die Augen geschlossen und es wird meditiert. So sollen die Alltagssorgen abgestreift werden, um sich voll und ganz auf das Training konzentrieren zu können. Ich blinzle und bin erstaunt, wie diszipliniert das von statten geht. Auf den Befehl „Mokuso Yame“ öffnen alle wieder ihre Augen. Nachdem mit weiteren Ausrufen der Trainingshalle die Ehre erwiesen und der Senei begrüßt ist, beginnt das eigentliche Training. Zunächst wird – wie bei den meisten anderen Sportarten – viel Wert auf ein ausgiebiges Aufwärmen gelegt.

Ein wenig Kopfkreisen, Halsmuskulatur  dehnen, bewegen. Arme kreisen und deren Muskulatur strecken. Dann sind Beine und Füße dran. Spätestens nach den Liegestütz und Sit-Ups fühle ich mich, als würde ich allein das Aufwärmen nicht überstehen. Dabei geht es jetzt erst richtig los. Die erste Einheit nennt sich „Kihon“. Das ist die Grundschule, die alle Techniken beinhaltet. Zuerst lerne ich, wie ich stabil auf meinen Beinen stehe – mit tief gebeugten Knien. Schon nach wenigen Minuten schmerzen die Oberschenkel, ich kann kaum noch stehen, meine Beine zittern. Dann soll ich in dieser Stellung laufen, ohne hoch zu kommen. Ich japse nach Luft, ist das anstrengend. Es folgen einfache Armtechniken, Fauststöße nach vorn oder eine einfache Abwehr mit dem Arm. Was bei der Gruppe von vorhin so einfach aussah, sind komplexe Bewegungsabläufe, die ich auf Anhieb nicht auf die Reihe bekomme.

Vor, zurück. Wie war das noch mit dem Fuß? Und wohin mit dem Arm? Mir wird bewusst, was für eine Körperbeherrschung dahinter steckt. Und selbst der Schrei, „Kiai“ genannt, entpuppt sich als gar nicht so blöd. Im Gegenteil, er hilft dabei, die Kraft durch explosives Ausatmen zu bündeln und bringt einen dazu, sich selbst zu überwinden. Zugegeben, als ich das erste Mal an der Reihe bin, ist es mir schon etwas peinlich. „Nur keine Hemmungen“, sagt der Senei. „Wer es schafft, die unnötige Scham zu überwinden, hat direkt etwas für das Selbstbewusstsein getan.“ Und tatsächlich. Mit jedem Mal fällt es mir leichter. Ein befreiendes Gefühl.

Meditativer Charakter

Die nächste Einheit heißt „Kata“. Hierbei wird ein Kampf gegen imaginäre Gegner simuliert, wobei Angriff und Abwehr zu einem einheitlichen Fluss von Techniken verbunden werden. Alles nach einem festgelegten Muster. Drei aus der Gruppe machen es vor und bewegen sich mit begeisternder Synchronität. Ich erfahre: Katas gibt es in vielen unterschiedlichen Formen und Schwierigkeitsgraden. Jede für sich schult nicht nur die Technik, sondern auch die innere Haltung: Atmung, Ruhe, Gelassenheit und Rhythmus. Ich realisiere: Karate ist viel mehr als ein dumpfes Draufgehaue, wie es in den einschlägigen Filmen auf die Leinwand vermittelt wird. „Die jahrelangen ständigen Wiederholungen haben auch einen meditativen Charakter“, nennt Katja den Grund, warum sie so gerne zum Training kommt. „Während des Trainings kann ich komplett abschalten, danach fühle ich mich wie im Kopf geduscht.“

Sie hält inne und nennt noch einen weiteren Nebeneffekt: „Zwar ist das Training nicht in erster Linie als Selbstverteidigungskurs zu verstehen, bei dem man schon nach kurzer Zeit für den Ernstfall bereit ist, aber ich fühle mich zunehmend sicherer, wenn ich mal alleine auf der Straße unterwegs bin.“Jetzt bin ich an der Reihe. Was einfach klingt, macht mir ganz schön zu schaffen. Atme ich richtig, wie war das nochmal mit dem Rhythmus und der Spannung?

Es fällt mir schwer, allein zwei dieser Bewegungsmuster aneinander zu reihen. „Das ist ganz normal“, beruhigt mich Katja, die schon seit einem Jahr dabei ist. „Mit der Zeit bekommt man ein ganz neues Gefühl für seinen Körper. Vieles funktioniert dann wie von alleine.“ Ich beginne zu erahnen, wie viel Mühe und Übung selbst in einer einfachen Kata stecken. Obwohl meine Arme schmerzen und die Beine schwer sind: Mein Ehrgeiz ist geweckt, ich versuche es noch einmal.

Kein Körperkontakt

Als letztes erfahre ich, um was es beim „Kumite“ geht. Hierbei stehen sich zwei Karateka gegenüber und beginnen nach Absprache mit gegenseitigen Angriffen und Abwehrtechniken. Besonders bei Anfängern gibt es dabei –wenn alles gut läuft – keinen Körperkontakt. Der Respekt vor dem anderen steht immer an erster Stelle. Anja und Karsten machen es vor: Ihr Fuß zuckt hoch und stoppt Millimeter hinter seinem Kopf. „Durch das Abstoppen der Techniken vor dem Körper des Gegners bekommt man ein hervorragendes Distanzgefühl“, erklärt der Senei. Und wenn das mit dem Abstoppen mal nicht hinhaut? Naja, das ein oder andere blaue Auge habe es schon gegeben, erfahre ich. Aber schwerwiegendere Verletzungen seien beim Karate eine Seltenheit. Ich bin beruhigt – schaue aber trotzdem heute dabei nur zu. Dafür ist beim nächsten Mal noch Gelegenheit. Denn – und das hätte ich vor 60 Minuten nicht für möglich gehalten – ich werde wiederkommen

Entspannen auf asiatisch

  • Aus China: Tai Chi: Wer einen Ausgleich zum hektischen Alltag sucht, ist beim Tai Chi genau richtig. Der Schwerpunkt dieser einst explosiven Boxtechnik liegt heute auf dem gesundheitsfördernden Aspekt, wobei die körperliche und mentale Balance gefördert werden sollen. Auch im Bereich Stressabbau sind die meditativen Bewegungen, die alleine oder mit Partner durchgeführt werden, sehr hilfreich.
  • Aus Korea: Taekwondo: Taekwondo ist eine waffenlose Kampfkunstübung für Körper, Geist und Psyche. Alle Energien sollen im Einklang mit dem Atem von der Mitte aus gehen und zu ihr zurückfließen. Zu den wichtigsten Techniken gehören Kicks in Bauchoder Kopfhöhe, die allesamt Schnelligkeit, Beweglichkeit und Kraft sowie Geduld und innere Ruhe fördern.
  • Aus Japan: Kyudo: Kyudo gehört zu den traditionellen japanischen Kampfkünsten, die sich aus den Waffentechniken der Samurai entwickelt haben. Der asymmetrisch gegriffene Bogen erfordert eine besondere Schießtechnik, die nur durch langes und intensives Üben zu erlernen ist. Über festgelegte Bewegungsphasen müssen Körperhaltung und -spannung genau koordiniert werden. Es geht um mehr als die Strecke, die der Pfeil zurücklegt. Konzentration, innere Ruhe und Gelassenheit sind Fähigkeiten, die in der Auseinandersetzung mit dem Bogen geformt und entwickelt werden.

Laura Kathrein Müller

Beitrag entnommen aus: VF 05-14