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Rückenschmerzen

Rückenschmerzen aus Mangel an Bewegung

Zu einem gesunden Lebensstil gehört, seinen Körper in Schwung zu halten. Doch für Bewegung bleibt heutzutage oft kaum Zeit. Eine häufige Folge: Rückenschmerzen. Wir zeigen, wie Sie vorbeugend agieren und akuten Leiden begegnen können.

Es trifft fast jeden. Vier von fünf Menschen in Deutschland leiden in ihrem Leben mindestens einmal an Rückenschmerzen. Die Ausprägungen hingegen sind so unterschiedlich wie die Methoden, mit denen die Schmerzen bekämpft werden. „Die Bandbreite reicht vom Hexenschuss über den Bandscheibenvorfall bis zu Arthrose, Osteoporose und schweren Nervenschädigungen“, weiß Dr. Jens Enneper, der in seiner Kölner Praxis „Orthopädie und Sport“ zahlreiche Patienten mit Rückenleiden behandelt – und dabei geschlechtsspezifische Unterschiede beobachtet. So haben Frauen häufiger und länger Rückenschmerzen als Männer, die eher zu kurzen, heftigen Schmerzattacken neigen, die zumeist aus Verletzungen resultieren. Frauen hingegen bekommen ihre Rückenprobleme als Folge der alltäglichen Belastung: Einkaufstaschen schleppen, Gartenarbeit und Staubsaugen sind häufige Auslöser für weibliche Rückenleiden. Dazu klagen besonders Frauen mit großen Brüsten über Kreuzweh und auch die Menstruation oder eine Schwangerschaft sind nicht selten mit Rückenschmerzen gekoppelt.

Teures Zwicken

Längst ist hierzulande ein Streit entbrannt, wie man dem Volksleiden der Deutschen begegnen kann. Die Diskussion darüber ist angesichts der erdrückenden Kostenlast verständlich. Denn Rückenschmerzen kommen das deutsche Gesundheitssystem teuer zu stehen: Geschätzt verursachen sie Kosten von 50 Milliarden Euro pro Jahr. Die Summe enthält Kosten für Arztbesuche, Krankenhaus-Aufenthalte, Rehabilitationsangebote, Physiotherapie, Massagen oder Arzneimittel sowie indirekte Kosten wie Arbeitsausfall und Berentung. Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems sind dem „DAK Gesundheitsreport 2014“ zufolge für fast ein Viertel der krankheitsbedingten Ausfalltage verantwortlich. Tendenz steigend.

Dr. Jens Enneper, der sich seit Jahren  Zunahme des Rückenleidens in den Industrienationen mitverantwortlich ist. „Bis vor 100 Jahren haben die Menschen Tag für Tag gut 20 Kilometer zu Fuß zurückgelegt, heute ist es im Durchschnitt nicht mal mehr einer“, so der Experte. Unsere Gesellschaft ist bequem geworden. Dabei ist Bewegung wichtig, um die Wirbelsäule funktionstüchtig zu halten. „Ohne eine regelmäßige Aktivität verkümmert nicht nur die eigentlich bilisierende Rückenmuskulatur, zudem werden die Wirbelkörper porös und die Bandscheiben verlieren ihre Elastizität“, erklärt Dr. Enneper. Und gerade weil der Mensch sich immer weniger bewegt, reagiert der Körper zunehmend sensibler auf Überbelastungen. Darüber hinaus überschätzen viele ihre eigenen Kräfte und körperlichen Möglichkeiten, wodurch schon das einfache Transportieren einer Kiste zu akutem Rückenschmerz führen kann. „Generell achten die meisten Menschen bei ihren alltäglichen Bewegungen nicht darauf, diese auch rückenschonend auszuführen“, warnt der Mediziner.

Meist keine klare Diagnose

Rückenschmerzen entstehen meist allmählich, verändern sich, werden kompensiert. „Viele Betroffene nehmen die Schmerzen nicht besonders ernst, solange sie erträglich sind“, weiß Dr. Enneper: „Wer aber seine Rückenbeschwerden still akzeptiert, der riskiert, dass die Schmerzen chronisch werden und letztendlich die eigene Lebensqualität beeinträchtigen.“ Oft lassen sich bei Schmerzgeplagten, die erst nach Wochen einen Arzt aufsuchen, die vielfältigen Symptome nichtmehr eindeutig zuordnen. Denn nur ein Bruchteil der Rückenpatienten leidet unter Schmerzen, die auf konkrete organische Ursachen zurückzuführen sind. Für die anderen lassen sich trotz aufwändiger Diagnose keine eindeutigen Auslöser feststellen.

Das heißt: Teure bildgebende Verfahren wie Kernspin- oder Computertomographie zeigen keine Veränderungen der Wirbel oder Bandscheiben. In vielen Fällen stehen also die subjektiv empfundenen Schmerzen in keinem Verhältnis zu den medizinischen Untersuchungsergebnissen. Eine Diskrepanz, die ein Umdenken der Mediziner in Gang gesetzt hat: Statt einem Zuviel an Diagnostik, stehen heute eine Schmerzlinderung im Akutfall sowie die Kräftigung auf Dauer in der Therapie an erster Stelle. „Der Großteil der Rückenprobleme kann in der Tat sehr zurückhaltend behandelt werden.

Manchmal genügt schon die Aufklärung des Patienten, dass er seinen Lebensrhythmus beibehalten soll“, erklärt Dr. Enneper. Statt einer tagelangen Schonung, bei der sich die Muskulatur nur noch mehr verkrampft, ist es also ratsam, in Bewegung zu bleiben. Genau hiervor haben allerdings viele Betroffene Angst. Wer aber die schmerzenden Körperhaltungen gänzlich vermeidet, riskiert eine dauerhafte Fehlstellung. „Man sollte aber natürlich nie versuchen, sich beispielsweise mit Gewalt aufzurichten, sondern dies eben nur sehr langsam und nur so weit es geht praktizieren“, erklärt Dr. Enneper, der seine Patienten generell zu einer aktiven Mitarbeit auffordert. Denn eine regelmäßige Bewegung beugt nicht nur der Gefahr vor, an Rückenschmerz zu erkranken. Auch als Therapieform sind viele sanfte Sportarten geeignet. „Man muss den Patienten einfache Bewegungsformen nahelegen“, erklärt Dr. Enneper, der eine gute Fitness für die beste Voraussetzung hält, den Schmerzen zu enteilen.

 

Das tragende Element

Aus einer Vielzahl von einzelnen Elementen aufgebaut, die optimal aufeinander abgestimmt sind, leistet unsere Wirbelsäule Erstaunliches: Sie kann gedreht, gestreckt und gebeugt werden und federt nebenbei auch noch bei jedem Schritt bis zum Mehrfachen unseres Körpergewichts ab, wenn wir laufen oder springen. Gebildet wird sie aus fünf Abschnitten, die jeweils unterschiedlich viele Wirbel einschließen, die zum Teil fest verwachsen sind. Zwischen den „losen“ Wirbeln befinden sich die Bandscheiben, die wie Stoßdämpfer wirken. Es gibt sieben Halswirbel, zwölf Brustwirbel und jeweils fünf Wirbel an der Lendenwirbelsäule und am Steißbein. Die fünfWirbel des Kreuzbeines sind während der Entwicklungsgeschichte des Menschen miteinander verschmolzen, sodass sie nun eine Einheit bilden. Das menschliche Rückgrat ist – von der Seite betrachtet – in einer doppelten S-Form gekrümmt. Im Hals- und Lendenbereich ist sie nach vorne gewölbt (Lordose), im Brust- und Kreuz-Steißbeinbereich nach hinten (Kyphose). Diese Formung wirkt wie eine Feder: Sie fängt Erschütterungen ab und verteilt diese gleichmäßig, sodass das empfindliche Gehirn vor Stößen geschützt wird.

Rückenschmerzen – was kann ich tun?

  • Entlasten Sie Ihren Rücken. Probieren Sie aus, in welcher Position Sie keinen Schmerz verspüren.
  • Regen Sie die Durchblutung an. Thermosalben und –pflaster aus der Apotheke können dabei helfen.
  • Massieren Sie die Schmerzpunkte. Sanfte Berührungen bis hin zu starkem Druck, z.B. mit einem kleinen Ball, können die Anspannung lösen.
  • Reduzieren Sie Ihr Gewicht. Jedes Kilo, das Sie zusätzlich mit sich herumschleppen müssen, belastet die Wirbelsäule unnötig.
  • Bleiben Sie in Bewegung. Länger als ein oder zwei Tage sollte man wegen Rückenschmerzen nicht im Bett bleiben.
  • Finden Sie die richtige Sportart. Schwimmen, Radfahren oder Walking sind ideale Möglichkeiten, dem Rückenschmerz zu entkommen.
  • Leichte Schmerzmittel sind erlaubt. Falls die Rückenschmerzen nicht nachlassen, können Wirkstoffe wie Salicylsäure, Paracetamol oder Teufelskralle helfen, beweglich zu bleiben.
  • Gehen Sie zum Arzt. Lassen die Schmerzen nach ein paar Tagen trotz einiger Maßnahmen nicht nach, suchen Sie einen Arzt auf. Gehen die Schmerzen mit Taubheitsgefühl oder plötzlicher Muskelschwäche einher, setzen Sie sich sofort mit Ihrem Arzt in Verbindung.

Rückenschmerzen – wie kann ich vorbeugen?

  • Beim Heben: Wenn Sie eine schwere Kiste anheben wollen, gehen Sie in die Hocke, beugen Ihre Knie dabei nichtmehr als 90 Grad und strecken Ihren Rücken durch, aber nicht bis zum Hohlkreuz. Dann setzen Sie Ihre Kraft in die Knie und richten sich auf. So wird die Wirbelsäule stabilisiert. Wenn Sie zusätzlich die Bauchmuskulatur anspannen, entlastet das die Rückenpartie noch mehr. Generell gilt: Schwere Lasten sollte man immer nah am Körper tragen.
  • Beim Einkaufen: Teilen Sie Ihre Einkäufe lieber auf zwei Tüten auf, statt alles in eine zu stopfen. Dann können Sie jeweils eine Tasche in jeder Hand tragen. Der Vorteil: Die Tüten sind relativ leicht und der Körper ist im Gleichgewicht. Wenn Sie doch nur eine Tasche bei sich haben, dann wechseln Sie öfter mal die Schulter, über der Sie die Last tragen. Bei der Arbeit: Verharren Sie auf dem Bürostuhl nicht allzu lang in einer Position. Nach etwa 30 Minuten sollten Sie sich anders positionieren und auch mal strecken oder dehnen. Wichtig ist zudem, die Schultern zurückzuziehen und mit dem Po möglichst nah an der Stuhllehne zu sitzen.
  • Beim Feiern: Wenn Sie zu einer Party mit nur wenigen Sitzmöglichkeiten eingeladen sind, achten Sie darauf, im Stehen öfter das Standbein zu wechseln und das Gewicht zu verlagern. Rufen Sie sich immer wieder ins Gedächtnis, kein Hohlkreuz zu machen oder den Oberkörper nicht allzu sehr nach hinten oder zur Seite zu neigen.

Unser Experte: Dr. Jens Enneper Der Sport-Orthopäde aus Köln hat zahlreiche Weltklasse-Leichtathleten und Profi-Fußballteams betreut. Darunter die deutsche U21-Nationalmannschaft, die 2009 Europameister wurde. 2010 eröffnete er seine Praxis Orthopädie und Sport in Köln, wo er auch zahlreiche Spitzensportler ärztlich betreut. Zudem arbeitet er eng mit der Deutschen Sporthochschule in Köln sowie mit der Praxis von Dr. Müller-Wohlfahrt in München zusammen.

Laura Kathrein Müller

Entnommen aus: VF 2-15