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2017 Original Unverpackt

2017 Original Unverpackt

Tupperdose statt Tetrapack

Nur Jutebeutel, Mehrwegflaschen und Weckgläser: In Berlin hat ein Lebensmittelgeschäft eröffnet, das komplett auf Plastikmüll und Einwegverpackungen verzichtet und wo jeder Kunde nur exakt die Mengen kaufen kann, die er benötigt.

Die Fassade mausgrau, das große Schaufenster mit einem schlichten, schwarzen Rahmen versehen und mit einem unauffälligen, roten Logo darüber – obwohl sich der Laden von Sara Wolf und Milena Glimbovski geradezu unscheinbar zwischen einem Sanitätshaus und einer Fair Trade Boutique in Berlin- Kreuzberg einreiht, tummelt sich im Inneren eine ganze Schar von Menschen. Und das hat einen Grund: Hier gehen nämlich nicht nur – wie in jedem Bioladen am Kiez – Obst, Gemüse und Nudeln über die Ladentheke.

Die Gründerinnen verfolgen ein einzigartiges Konzept: „Orginal unverpackt“ ist ein Lebensmittel-Laden ohne Eigenverpackungen. Das heißt: keine Früchte in Plastikfolie, kein eingeschweißter Brokkoli, keine Milch aus dem Tetrapack. Und knallige Designs sowie Werbezüge sucht man hier ebenfalls vergebens. Alles Umstände, die dem rund 90 Quadratmeter großen Laden eine sterile, aber klare Linie verleihen. Überall helle Fliesen, glänzendes Metall und eine strukturierte Anordnung von Plastikspendern, Glasbehältern und Fallrohren, die bis zur stuckverzierten Decke reichen. Darin lagern Nudeln, Reis, Linsen, Haferflocken und andere haltbare Lebensmittel, die einfach per Handdruck in entsprechende Behältnisse umgefüllt werden können.

Das Gemüse steht in Holzboxen gelagert bereit, an den Gewürzgläsern hängen kleine Löffel. Getränke, Öl und Sirup sowie Shampoo und Reinigungsmittel werden mit einem Zapfhahn abgefüllt. „Worin sich der Kunde seine Einkäufe abfüllt, kann er selber entscheiden. Aufgrund der Hygienevorschriften achten wir aber natürlich darauf, dass die Behälter sauber und gut verschließbar sind“, erklärt Milena Glimbovski. „Wer spontan vorbei kommt und keine eigenen Gefäße dabei hat, kann sich bei uns Baumwollbeutel, Mehrwegflaschen und Vorratsdosen gegen einen Aufpreis ausleihen oder bereitgestellte Recycling-Papiertüten verwenden.“

Und das Beste: egal ob 100 Gramm Reis oder vier Kilo Müsli – hier entscheidet jeder Kunde selbst, welche Mengen er kaufen möchte. An der Kasse wird gewogen und das jeweilige Leergewicht abgezogen. Die Preise sind etwa wie im herkömmlichen Supermarkt, einige Produkte sind günstiger, einige etwas teurer. Von den meisten Waren gibt es zudem mehrere Sorten, die je nach Herkunft unterschiedlich kostspielig sind. Nicht ins Sortiment geschafft haben es bislang Toilettenpapier, Tomatenmark und Soja-Milch – hier haben sich noch keine Lieferanten gefunden, die verpackungsfrei oder mit Mehrwegbehältern arbeiten.

Auch Fleisch und Käse sucht man aus hygienetechnischen Gründen bei „orginal unverpackt“ vergeblich. Hierfür ist der jetzige Laden zu klein. Dafür gibt es Tofu in Mehrweggläsern und einmal wöchentlich einen Käsehändler mit eigener Theke, der seine Produkte unverpackt an die Kundschaft weitergibt. Und auch in Sachen Zahnpasta konnte eine Lösung gefunden werden: die gibt es nicht wie gewohnt in einer Plastiktube, sondern in Form von Tabletten, die sich beim Zähneputzen im Mund auflösen.

Der Umwelt zuliebe

„Unverpacktes Einkaufen bedeutet erheblich weniger Müll und weniger Lebensmittel, die weggeschmissen werden, da jeder exakt das abfüllen kann, was er benötigt. Das spart Geld, führt zu einem besseren Gewissen und zu einem bewussteren Konsumieren“, erklärt Sara Wolf, die inzwischen rund 350 verschiedene Produkte hüllenlos anbieten kann. „Wir setzen auf gute, wertige Ware, statt billiger Masse“, so die 31-Jährige. Der Großteil der Lebensmittel ist Bio und stammt von regionalen Händlern. So stehen auf dem gefliesten Tisch mitten im Geschäft selbstgemachte Marmelade aus dem Spreewald, Honig aus der Uckermark und Biolimonade aus Berlin. Die Pfandgefäße können beimnächsten Einkauf zurückgegeben werden.

Mit ihrer ungewöhnlichen Geschäftsidee treffen Sara Wolf und Milena Glimbovski anscheinend den Nerv der Zeit. 2013 gewannen sie mit ihrem Konzept den Business-Wettbewerb Berlin Brandenburg in dem Bereich „Beste Idee und Marketing“. Das Bundeswirtschaftsministerium zeichnete sie im gleichen Jahr als Kultur- und Kreativpiloten aus. Auf der Internetplattform Facebook unterstützen inzwischen 50.000 Fans das Projekt mit dem „Gefällt mir“-Daumen, für die Gründung sind 115.000 Euro per Crowdfounding zusammengekommen. Und noch vor der Eröffnung im vergangenen September haben die beiden Berlinerinnen eine Menge Anfragen für Franchise-Filialen in ganz Deutschland erhalten. Mal sehen, ob ihr Geschäftsmodell Schule macht…

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KLAR STRUKTURIERT: Aus sämtlichen Behältern, Gefäßen und Boxen kann sich der Kunde exakt die Menge abfüllen, die er haben möchte.

Wussten Sie, dass …in Deutschland Jahr für Jahr rund 16 Millionen Tonnen Müll aufgrund von Verpackungen entstehen, die zum Teil aufwändig aus wertvollen Rohstoffen hergestellt werden? Mit rund 7,2 Tonnen haben dabei Verpackunen aus Papier, Pappe oder Karton den größten Anteil. Es folgen Hüllen aus Glas, Kunststoffen und Holz.

Laura Kathrein Müller

Entnommen aus: VF 1-15