Category : Veggie Welt

Vegetarische Almhütte

Die Zeit war reif

Schweinsbraten, Leberkäs und Wurstplatte: Bayerische Hüttengerichte sind meist deftig – und fleischlastig. Nicht so auf der Hündeleskopfhütte bei Nesselwang im Allgäu. Hier kocht Silvia Beyer als erste Hüttenwirtin der Alpen rein vegetarisch – und das mit Geschmack und Erfolg.

Endlich wieder fließendes Wasser“, jubelt Silvia Beyer, während sie mehrere schwere Gemüsekisten aus dem Fahrzeug hievt. „War das ein Drama in den vergangenen drei Wochen: alle Leitungen eingefroren! An Kochen war gar nicht zu denken.“ Stattdessen karrte die patente Wirtin täglich bis zu 300 Liter Wasser aus dem Tal hinauf, damit wenigstens die Toiletten funktionierten – die Toiletten der ersten rein vegetarischen Hütte der Alpen. „Zumindest habe ich bislang noch kein Echo aus den Bergen vernommen, dass es noch eine weitere gäbe“,bemerkt Silvia schmunzelnd. Das kulinarische Leuchtturmprojekt steht auf 1.180 Metern Höhe inmitten der Allgäuer Alpen.

Bei klarem Wetter kann man von der Hündeleskopfhütte aus bis zur Zugspitze sehen – und seit dem 20. Mai 2015 genießt man hier ganzjährig „rein vegetarische Allgäuer Heimatküche mit frischen Bio-Lebensmitteln“, wie Silvia Beyer betont. Die Wirtin selbst ist familiär vorbelastet. Schon Ende der 50er Jahre führte ihre Oma Buck eine Pension, in der nach dem skandinavischen Ernährungsreformer Are Waerland nur gesunde und einfache Gerichte auf den Tisch kamen. Das hieß: kein Fleisch, kein Fisch, kein Zucker und kein Weißmehl. „Mit dieser Kost bekam meine Oma ihre zahlreichen Erkrankungen in den Griff.“

Als Enkelin Silvia, die auf einem Bauernhof in Nesselwang aufwuchs, dann mit zwölf Jahren von Mutter Traudl erfuhr, was mit den liebevoll aufgezogenen Kälbern passiert, wurde auch Silvia, genannt Silli, zur Vegetarierin. Und ist es bis heute geblieben. Sie machte eine Ausbildung zur ländlichen Hauswirtschafterin, arbeitete auf einem Demeter- hof, von dem sie heute ihre Kartoffeln, gelben Rüben und das Dinkelkorn für den Sonntagszopf bezieht, und packte auf einer Ranch in Idaho mit an. Als dann ein neuer Pächter für die Hündeleskopfhütte gesucht wurde, ergriff sie die Chance, ihren Traum von der eigenen Hütte zu verwirklichen. Gegen 60 Mitbewerber musste sie sich durchsetzen. Im „Casting“ fragte die Gemeinde: „Was wollen Sie denn so kochen?“

Silvia antwortete: „Na ja, Kässpatzen, Krautkrapfen, Kaiserschmarrn …“ Die Gemeindevertreterin hakte ein: „Ach großartig, aber mit Rosinen, oder?“ „Ich kann die Schmarrn mit Rosinen oder ohne anbieten, je nach Wunsch.“ Damit war das Thema Essen erledigt. Silvia lacht. „Im Nachhinein würde mich ja mal interessieren, ob ich den Zuschlag auch bekommen hätte, wenn der Gemeinde klar gewesen wäre, dass ich ein rein vegetarisches Konzept habe.“

SKEPSIS WEICHT BEGEISTERUNG

Also Butter bei die Fische: Im Land von Eisbein, Schweinshaxn, Kesselfleisch und Weißwürsten, kann da eine vegetarische Hütte funktionieren? „Ich hatte bisher einen einzigen Gast, ein alter Grantler, der meinte: Nur wegen Grünzeug kommen die Leute doch nicht auf den Berg!“, gibt Silvia zu. „Aber ansonsten: Nur positive Rückmeldungen. Ich glaube, die Zeit war einfach reif. Heutzutage ernähren sich immer mehr Menschen bewusst. Viele vegetarisch oder sogar vegan, und die freuen sich, dass sie auch auf dem Berg ein Angebot finden.“ Spricht da das Wunschdenken aus der Wirtin? Verklärt sie die Situation? Will sie am Ende vielleicht nicht wahrhaben, dass der gestandene Wanderer eine gestandene Brotzeit mit Würschtl will?

Zeit für eine Art Feldforschung. Es ist ein erster schöner Frühlingsabend im April. Die gemütliche Hüttenstube mit dem gemauerten Kamin ist gut besetzt. Auch die Mitglieder des Stammtischs haben sich bereits eingefunden. Einmal die Woche treffen sie sich auf unterschiedlichen Hütten – den ersten Mittwoch im Monat sind sie bei Silvia Beyer. Alle kommen sie aus Nesselwang. Der Robert ist darunter, und die Inge. Wie war denn die Reaktion, als sie hörten, dass die Hündeleskopfhütte neuerdings nur noch Vegetarisches auftischt? Inge grinst: „Vor allem bei den Männern war die Skepsis groß – die sagten: Wir wollen uns nicht vorschreiben lassen, was wir zu essen haben. Wir gehen woanders hin!“ „Aber“, schaltet sich Robert ein, „unser Vorsitzender hat das Thema entschieden, indem er sagte: Oamoi im Monod konn ma scho Kässpatzen essen.“

Die Runde lacht und versichert danach, dass die Küche wirklich toll sei. Vor allem die Salate seien ein Traum. „Und die Zucchini-Lasagne ist der Hit“, ruft eine Frau vom Nachbartisch herüber. Erika Appelt und ihr Mann Andreas wohnen ein paar Monate im Jahr im allgäuischen Pfronten, den Rest verbringen sie in Dubai, weil Andreas dort als Or- thopäde arbeitet. Bevor es am nächsten Tag wieder mit dem Flieger in die Emirate geht, musste das Ehepaar unbedingt noch mal zur Hündeleskopfhütte. Jetzt sitzt Erika vor einem bunten Vega-Teller (Dinkelbrot mit verschiedenen veganen Aufstrichen und allerlei Gemüse) und Andreas vor einem verführerisch duftenden Kaiserschmarrn. „Der muss jetzt drei Monate vorhalten“, meint der Arzt lachend. „Davon zehre ich!“

VON PAKISTAN IN DIE ALPEN

Die vegetarische Allgäuer Hüttenwelt scheint also tatsächlich in Ordnung zu sein. Und eine schöne Integrationsgeschichte schreibt sie auch noch. „Das hier ist mein Azubi Ali“, sagt Wirtin Silvia stolz und schubst einen jungen Mann mit dunklen Augen und pechschwarzem Haar von der Küche in den Gastraum. Ali grinst ein wenig verlegen, erzählt aber bereitwillig und in nahezu fehlerfreiem Deutsch, dass er vor drei Jahren aus Pakistan über die Türkei nach Bayern gekommen sei. Bei Silvia Beyer macht er eine Ausbildung zur „Fachkraft im Gastronomiegewerbe“ und kocht die vegetarischen Hüttengerichte wie Linsensuppe, Krautkrapfen, Brennnesselknöde oder Bärlauchspaghetti mittlerweile perfekt. Auch wenn sich das Essen von seiner Heimatküche ganz schön unterscheidet. „Das erste Mal war ich als Gast auf der Hütte“, erzählt er. „Ein anderer Flüchtling hatte mir geraten, Kässpatzen zu bestellen, weil das einfach Nudeln seien und ich damit nichts falsch machen könne. Ich mag aber gar keinen Käse. Es war mir furchtbar peinlich, weil ich den ganzen Teller habe zurückgehen lassen.“ Also, so was passiert auf der Hündeleskopfhütte sonst nie.

Artikel entnommen aus vegetarisch fit Ausgabe 6/2018

Autorin: Alexa Christ

Ägyptische Bohnen-Bratlinge

Essen wie die alten Pharaonen – Ägyptische Küche

Eiweissreich, süß und herzhaft: Die ägyptische Küche lebt von ihrer
Abwechslung. Food-Bloggerin Wera van Dillen zeigt typisch ägyptische Rezepte, wie Taameya, Schokoladen-Datteln oder Kuschari.

Wer Ägypten hört, denkt sofort an die Pyramiden und die Sphinx, an den Nil, das rote Meer und die staubige Wüste. Das Land der Pharaonen hat aber auch eine beachtliche Küche. Wir sprachen mit Wera van Dillen. Das gebürtige Ruhrpottmädel lebt seit über 20 Jahren in Ägypten und kocht sehr gerne. Die unzähligen Gerichte postet sie auf ihrem Blog, der besonders im Fastenmonat Ramadan häufig aufgerufen wird. Wera stellt uns typisch ägyptische Gerichte vor und erzählt uns, wie sie als Vegetarierin in Ägypten lebt.
Laut Wera gehören Fladenbrot und Reis zu wirklich jeder Hauptmahlzeit. Tomaten­soße ist allgegenwärtig, sodass fast jedes Gemüse darin weichgekocht wird. Wichtige Zutaten der ägyptischen Küche sind außerdem Erbsen, Möhren, Spinat, Blumenkohl und Saubohnen.

Vegetarisch leben am Nil
Wera ist Vegetarierin, was in Ägypten nicht immer ganz einfach ist: „Es gibt zwar eine riesige Auswahl an frischem Obst und Gemüse auf den Märkten, doch werden vegetarisch erscheinende ­Gerichte häufig mit Fleischbrühe zubereitet. Sogar der Reis wird häufig mit ­Brühe gekocht. Doch, wenn man das weiß und selbst kocht, benutzt man eben eine Gemüsebrühe.“ Auch das Einkaufen ist nicht immer leicht für Wera. Nur in der Fastenzeit der ägyptischen Christen vor Ostern und Weihnachten gibt es vereinzelt ­spezielle vegane Produkte, in ­denen tierisches Fett durch pflanzliches ersetzt wird. Die Anzahl an muslimischen Vegetariern ist extrem gering, denn Fleischkonsum ist tief in der islamischen Religion verankert. So muss jede Familie beim Opferfest ein Tier schlachten. Es gibt demnach kaum fastende Vegetarier.

Besondere Vorlieben
Der Fastenzeit ist sehr eng mit der ägyptischen Küche verknüpft. Im Sommer bedeutet Ramadan über 12 Stunden (von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang) nichts zu ­essen oder zu trinken, sodass dann dem Körper besonders Zucker und Flüssigkeit zuerst zugefügt werden müssen. Deshalb werden Datteln, Säfte und Suppen besonders gerne beim abendlichen Fastenbrechen zuerst serviert. Generell werden im Ramadan mehr Süßspeisen und Gebäck als sonst gegessen, wie zum Beispiel mit Pudding gefüllte Filo-Teig-Röllchen, die Wera sehr lecker zubereitet. Wera rät Europäern zur Vorsicht, denn „ägyptische Desserts sind durch den Zuckersirup, mit dem sie fast alle übergossen werden, sehr süß“. Kunafa (Teigfäden) und Bassboussa (Grieß­kuchen) sind die bekanntesten ägyptischen Kuchen. Taameya, auch ägyptische Falafel genannt, ist das Nationalgericht. Es handelt sich dabei um frittierte Bohnenbratlinge, die schon zum Frühstück zusammen mit ­einem Brei aus Saubohnen verspeist werden. Ebenfalls sehr beliebt ist Kuschari, ein sehr sättigender Teller voll Reis, Nudeln, Linsen und Kicher­erbsen, übergossen mit Tomatensoße und bestreut mit Röstzwiebeln. Laut Wera serviert jede Ägypterin zu besonderen Anlässen „Mahschi.“ Dabei handelt es sich um mit Reis gefüllte Wein- oder Kohlblätter. Die klassische ägyptische Linsensuppe darf auch auf keiner Speisekarte fehlen.

Ägyptische Bohnen-Bratlinge (Taameya)

Für 4 Personen

500 g geschälte, getrocknete Saubohnen
1–2 Frühlingszwiebeln
1 Bund Petersilie
1 Bund Koriandergrün
6 Knoblauchzehen
2 Zwiebeln
1 grüne Chilischote
1 TL Salz
2 EL Sesamsaat
1 EL Koriandersamen (grob zerkleinert)
Öl zum Frittieren

Zubereitung:

1. Die Bohnen über Nacht in Wasser einweichen. Nach dem Einweichen die Bohnen gut abtropfen lassen.
2. Das Zerkleinern der Zutaten funktioniert am besten mit einer Küchenmaschine. Alles außer Sesam und Koriander mit der Küchenmaschine in 5 Min. zu einer homogenen Masse verarbeiten.
3. Mit einem kleinen Eisportionierer, mit 2 Löffeln oder den Händen kleine Bällchen formen, in etwas Sesam und Koriander wälzen.
4. Öl erhitzen und die Taameya darin etwa 5 Min. frittieren,bis sie braun sind.

Zeit: ca. 60 Min. + 24 Stunden Einweichzeit für die Bohnen
Pro Portion: ca. 250 kcal

Entnommen aus vegetarisch fit Ausgabe 3/2018. Weitere Rezepte aus Ägypten finden Sie im Heft oder auf Wera’s Blog: http://aegyptischkochen.blogspot.de

Recht auf vegetarisches Essen

Alles, was Recht ist

Gibt es einen Anspruch auf pflanzliches Essen im Krankenhaus? Oder ist das Fehlen vegetarischer Gerichte in einem Hotel bereits ein Reisemangel? Der Berliner Rechtsanwalt Ralf Müller-Amenitsch geht diesen Fragen juristisch auf den Grund.

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ So ist es in Artikel 3 des deutschen Grundgesetzes verankert. Aber welche Rechte haben Vegetarier und Veganer, die nicht an Gott glauben, aber aus ethischen Gründen das Töten und Verspeisen von Tieren nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können? Dieser Frage ist der Berliner Rechtsanwalt Ralf Müller-Amenitsch nachgegangen. Ende 2016 hat er das Buch „Vegan im Recht“ veröffentlicht, das wegen der großen Nachfrage bald in einer zweiten Auflage erscheinen wird.

Rechte im öffentlichen Leben

Ein Ratgeber, der vegetarisch und vegan lebende Menschen unterstützen will, sich effektiv für die Durchsetzung ihrer Rechte in Bereichen des öffentlichen Lebens einzusetzen. Für Müller-Amenitsch ist es ein zentrales Anliegen, dass Menschen aufgrund ihrer individuellen Gewissensentscheidung bezüglich ihrer Ernährung keinerlei Nachteilen im Alltag ausgesetzt sind. „Vegetarier und Veganer sind in Deutschland juristisch diskriminiert“, sagt er, zumindest wenn sie aus säkularen Gründen keinerlei tierische Produkte verwenden. Er halte dies für eine fehlerhafte Umsetzung der Ethik in das Recht, das doch im Idealfall kodifizierte Ethik sein sollte. Im Grundgesetz heißt es in Artikel 4: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“ Im deutschen Recht ist es allerdings so, dass eine Weltanschauung religionsähnlich sein muss: Sie muss die ganze Welt erklären können. Das ist beim Vegetarismus oder Veganismus selbstredend nicht der Fall.

Europäische Menschenrechtskonvention

Die Europäische Menschenrechtskonvention spricht dagegen im englischen Original von „religion, consciousness and belief“, was als gefestigte Ansicht übersetzt wird – eine Definition, die deutlich weiter gefasster ist. „Die deutsche Rechtsprechung verengt den europäischen Weltanschauungsbegriff“, meint Müller-Amenitsch. Das führe dazu, dass Vegetarier und Veganer oft Schwierigkeiten haben, juristisch gegen eine vermeintliche Diskriminierung vorzugehen. Aus seiner Sicht könnte man allerdings in einigen Fällen mit dem Allgemeinen Persönlichkeitsrecht argumentieren. Dieses beinhalte auch das Recht, sich seinen ethischen Vorstellungen gemäß zu ernähren. Ein Urteil des Berliner Sozialgerichts unterstützt diese These.

Ein Urteil

Im konkreten Fall ging es um eine Frau, die zwar berufstätig war, aufgrund des geringen Verdiensts aber zusätzliche Leistungen vom Jobcenter erhielt. Ihr Arbeitgeber stellte ihr ein kostenloses Mittagessen zur Verfügung, das jedoch fast ausschließlich aus Fleischprodukten bestand. Die Frau war keine Vegetarierin, aber sie lehnte das Essen aus Diät-Gründen ab – sie wollte sich nicht vorschreiben lassen, wie sie sich zu ernähren hat. Das Jobcenter kürzte ihr dennoch die Leistungen, da sie Zusatzleistungen vom Arbeitgeber bekäme. Dagegen wehrte sie sich und bekam Recht. „Es ist schön, dass auch ein Richter die Sache genauso sieht wie ich“, sagt Ralf Müller-Amenitsch, dem es ein zentrales Anliegen ist, dass Menschen aufgrund ihrer individuellen Gewissensentscheidung bezüglich ihrer Ernährung keinerlei Nachteilen im Alltag ausgesetzt sind.

KONSTRUIERTE FÄLLE WERDEN REAL

Zu seiner Freude bekommt die juristische Seite der veganen und vegetarischen Ernährung immer mehr Aufmerksamkeit. Und diese werde weiter steigen, glaubt Müller- Amenitsch, „weil sich in Zukunft noch mehr Menschen fleischfrei ernähren werden.“ Seit 2016 gibt es in Deutsch – land einmal im Jahr ein Rechtssymposium zu diesem Thema, weitere Ableger in anderen Ländern sind bereits in Planung. „Ich bekomme Anfragen von Juristen aus ganz Europa“, sagt Müller-Amenitsch. „Ich hätte nie gedacht, dass dieses Thema einmal eine solche Dynamik entwickelt.“ Als er sein Buch schrieb, waren die meisten der darin vorgestellten Fälle konstruiert. „Jetzt erlebe ich, dass genau diese Fälle tatsächlich auf meinem Schreibtisch landen.“

Vielfältige Umstände

Und das Spektrum dieser Fälle ist breit: Ein Hautarzt injiziert seiner vegetarisch lebenden Patientin gegen ihren Willen Fleischbrühe als Trägersubstanz für einen Allergietest. Ein dementer Veganer wird im Pflegeheim mit Fleisch gefüttert. Kinder, die sich vegan ernähren, müssen sich in Schulen selbst mit Essen versorgen und zusätzlich das nicht-vegane Gemeinschaftsessen finanzieren. „Alle diese Beispiele zeigen, wie notwendig eine Auseinandersetzung mit Veggie-Rechtsthemen ist“, sagt Ralf Müller- Amenitsch.

Kein Dogmatiker

Eines ist dem 54-Jährigen wichtig: „Ich bin kein Dogmatiker“, sagt er. Bloß, weil jemand sich fleischfrei ernähre, sei er noch kein besserer Mensch. „Aber wenn man seinen Speiseplan danach ausrichtet, dass der Welthunger vermindert wird, auch künftige Generationen noch eine intakte Umwelt vorfinden und Tiere nicht leiden müssen, dann ist es aus ethischer Sicht die konsequenteste Ernährungsweise.“

Buchtipp

Philip Häfner   – Vegan im Recht – ein Hand- buch für alle juristischen Fragen des vegetarischen und veganen Lebensstils. Ralf Müller-Amenitsch, Ventil Verlag, 128 Seiten, 14,90 Euro

Ein Abstecher ins Land des Ahorns VF0116 shutterstock_316951322 800x600

Ein Abstecher ins Land des Ahorns – Vegetarier auf Reisen in Kanada

Riesige Wälder, Berge, große Seen, mächtige Flüsse, lange Küsten und Strände, aber auch pulsierende Metropolen wie Toronto, Vancouver oder Montreal: Kanada hat seinen Besuchern einiges zu bieten. Und auch als Vegetarier zählt man im Land des Ahorns längst nicht mehr als Exot.

Eine kulinarische Spezialität aus Kanada? Da fällt einem sofort Ahornsirup ein. Schließlich prangt das Blatt des Ahorns sogar auf Kanadas Nationalflagge und das Land ist nicht ohne Grund der weltweit größte Hersteller des süßen Sirups. Und so gibt es auch ziemlich alles in Kanada mit Ahornsirup verfeinert – sogar Deftiges wie gegrillten Schinken oder Bohnen. Das klingt nicht nur gewöhnungsbedürftig, ungeübten Gaumen schmeckt es zunächst auch so. Doch Ahornsirup ist natürlich noch lange nicht alles, was die kanadische Küche zu bieten hat.

Kanada ist ein Einwanderungsland – und das beeinflusst auch die Küchentradition. So findet man authentische asiatische Restaurants genauso wie solche mit afrikanischer, europäischer oder lateinamerikanischer Küche. In der Provinz Québec wird französisch gesprochen. Entsprechend sind die kulinarischen Vorlieben von der französischen Küche geprägt. Die kanadische Küche ist also ziemlich vielfältig. Und Vegetarier stoßen dabei immer mehr auf Verständnis. Bislang sind es zwar nur vier Prozent der Erwachsenen, die sich in Kanada vegetarisch ernähren, doch eine bewusste Ernährung spielt eine immer größere Rolle. „Heute haben die Restaurants viel mehr Optionen anzubieten und sie haben sich darauf eingestellt, die Zutaten auf die Bedürfnisse der Kunden anzupassen“, sagt Lauren Toyota. Zusammen mit John Diemer hat die TV Moderatorin und Produzentin den Blog „Hot for food“ (hotforfoodblog.com) gegründet. Die beiden zählen mittlerweile zu Kanadas populärsten Food Bloggern. Das Besondere: Ihre Rezepte sind ausschließlich vegan.

Vegane Vielfalt in den Städten

„Wir haben viele vegane Restaurants in Toronto, die mittlerweile recht populär geworden sind und nicht nur unter Veganern für Begeisterung sorgen“, berichtet Toyota. Selbst in den großen Einkaufsmalls werden Vegetarier und Veganer fündig. Im Food Court des Eaton Centres, einem vierstöckigen Einkaufszentrum direkt in der Innenstadt, gibt es mit dem „Urban Herbivore“ sogar ein ausschließlich veganes Restaurant. Hier gibt es Salate, Eintöpfe, Suppen, frische Säfte, Sandwiches und auch eine kleine Bäckerei. In Vancouver eröffnete das „The Naam“ bereits lange bevor Vegetarismus „cool“ wurde.

Besonderheit hier: Das Restaurant ist 24 Stunden am Tag geöffnet. Die Stadt ist übrigens auch für ihre Raw Food-Szene bekannt. Dazu beigetragen haben unter anderem das „Eternal Abundance“ und das „Indigo Food“ – um nur zwei Vertreter zu nennen. Und in Montreal gibt es das vegane Schnellrestaurant „La Panthère Verte“ gleich in dreifacher Ausführung. Hier gibt es Salate, Sandwiches, Smoothies und zahlreiche süße Waren. Kultig: Die Sandwiches werden alle in Pitas serviert und es gibt unterschiedliche Füllungen, unter anderem Falafel, Veggie Burger, BBQ Tofu und Tempeh.

Und wie sieht es in den ländlicheren Regionen des Landes aus? Für Toyota und Diemer ist gerade das ein wichtiger Punkt ihres Blogs. „Ziel unserer Reisen ist es, die besten veganen Restaurants zu finden – gerade in den kleineren Regionen. In Kanada gibt es in jedem Supermarkt im Grunde genommen dasselbe, egal wo man lebt oder gerade unterwegs ist. Das Angebot ist also ausreichend. Uns geht es daher primär darum, was die Menschen daraus machen. Wir möchten sie ermutigen, sich ausgewogener zu ernähren und ihre Einkaufs- und Kochgewohnheiten umzustellen.“

Wunderbare Westküste

Ein spannendes Ziel – nicht nur aus kulinarischen Gründen – für eine Kanadareise ist die Westküste. Sie ist Hochburg der LOHAS („Lifestyle of Health and Sustainability“) und dementsprechend stoßen Vegetarier hier auf großes Verständnis. Selbst bei den Takeouts gibt es immer auch vegane Varianten, auch was Süßigkeiten und Kuchen betrifft. Ein besonderer Ort ist Tofino in British Columbia, ein winziges, abgelegenes Örtchen an der Westküste Vancouver Islands. Unberührte Natur, Weite und wenig Menschen – wer von den brodelnden Metropolen des Landes genug hat, kann sich hier zurückziehen und wunderbar entspannen. Hier, wo einige der weltweit letzten intakten Regenwälder der gemäßigten Breiten auf den Pazifik sowie kilometerlange, unberührte Sandstrände treffen, ist die Luft, die man einatmet, frisch und klar.

Das Leben in Tofino wird an der Natur ausgerichtet – das gilt auch für die Esskultur. Die Einheimischen und Gastronomen der Ortschaft legen großen Wert auf lokale Produkte. Wer statt der Küste lieber die Natur im Landesinneren vorzieht, sollte sich die Nationalparks in Jasper und Banff in den kanadischen Rocky Mountains anschauen. Fjorde, wunderschöne Seen und riesige Wälder – besondere Naturschauspiele sind hier zu bewundern.

Für Vegetarier und Veganer lohnt sich ein Besuch im vegetarischen Restaurant „Nourish Bistro“. Wer sich selbst versorgen will, sollte einen „Whole Foods Market“ aufsuchen. Bio-Supermärkte sind an Kanadas Westküste keine Seltenheit. Bewusst sein sollte man sich allerdings: Gutes, gesundes Essen kostet etwas in Kanada. Bio-Produkte sind nicht billig. Aber warum sollte man sich nicht einfach auch mal etwas Gutes gönnen und bewusst genießen? Und Ahornsirup als Mitbringsel nicht vergessen.

 

Interview: „Es gibt genügend vegetarische Optionen“

Ella Grigorovici ist in der Reise- und Tourismus-Branche tätig und betreut Kunden an Kanadas Westküste. Im Interview verrät sie, was Vegetarier in Kanada erwartet.

Ella Grigorovici, wie einfach oder schwierig ist es, als Vegetarier in Kanada zu reisen?

Insbesondere in Großstädten wie Toronto oder Vancouver gibt es genügend vegetarische Optionen, sowohl was Lokale als auch Supermärkte anbelangt. Bioläden wie „Whole Foods“ sind ein Schlaraffenland: Hier können sich Reisende nicht nur mit entsprechenden Lebensmitteln, sondern auch mit warmen Gerichten und frischen Salaten zum Mitnehmen eindecken.

Welche Speisen mögen die Kanadier?

Die kanadische Küche ähnelt der amerikanischen, deren Vorliebe für Burger, Pommes Frites – oft auch in der wertvolleren Süßkartoffel-Variante als „Yam Fries“ – und üppigen Süßspeisen wie Pies oder Muffins bekannt ist. Wobei, jede Provinz weist Besonderheiten auf: Québec etwa ist berühmt für seine „Montreal Bagels” und die „Poutine”, das sind mit topfenartigem Käse und Bratensauce übergossene Pommes Frites. Auch hiervon werden inzwischen vegetarische Versionen angeboten. In British Columbia findet sich ein riesiges Angebot an asiatischen Lokalen, was sicherlich auf die hohe Anzahl asiatisch-stämmiger Kanadier zurückzuführen ist.

Gibt es etwas, auf das Sie sich besonders freuen, wenn Sie an der Westküste sind?

Als Erstes stelle ich mich in der Schlange des „Tacofino Trucks” an, wo die feinsten Tacos und Burritos im Stil der BajaCalifornia locken – die gibt es übrigens auch in veganer Ausführung mit schwarzen Bohnen und Guacamole. Zum Nachtisch pilgere ich ins „SoBo“. Ehemals ein Food Truck, ist es heute ein gemütliches Restaurant inmitten von Tofino. Die üppigen Mandel-Brownies und veganen Cookies sind sagenhaft. Der beste Ausblick auf den Strand Chesterman Beach und seine Surfer lässt sich vom „Wickaninnish Inn” aus genießen.

Text und Interview: Christine Eisenbeis

Entnommen aus: VF 01-16

Vegetarisches Wandervergnügen in Österreich

Vegetarisches Wandervergnügen in Österreich

Vegetarier und Veganer haben es auf Reisen vielerorts immer noch schwer. In Österreich können Wanderliebhaber jetzt traumhafte Tage verbringen – auf Wunsch sogar mit dem eigenen Hund.

Loona bellt – es sind nicht so schrille und bestimmte Laute, wie sie sie bei ihren Jagdeinsätzen im Wald von sich gibt. Der kleine Gebirgsschweißhund klingt fast vergnügt, hüpft in der Gegend herum und scheint es kaum abwarten zu können, bis es endlich losgeht. Knapp sechs Autostunden liegen hinter der achtjährigen Hündin und ihrem Frauchen Janine. Das Ziel: Obernberg. Die kleine Gemeinde in Tirol ist für die beiden der Ausgangspunkt einer ganz besonderen Reise. Und das nicht nur, weil sich im Entdeckungsgebiet des Dolomit-Gesteins unzählige Wanderrouten erschließen. Loona und Janine sind Teilnehmer der Veggie DogDays. Dieser, eigens für Vegetarier oder Veganer angebotene, Wochenendtrip bietet Wander-Begeisterten und ihren vierbeinigen Lieblingen ein unvergessliches Natur-Erlebnis und Schlemmer-Wochenende, das perfekt auf die Wünsche und Ansprüche von Veggies mit Hund eingestellt ist.

Denn, obwohl vegetarische und vegane Lebensweisen heutzutage sehr verbreitet sind, haben es Veggies unterwegs nicht immer leicht, kulinarisch auf ihre Kosten zu kommen. „Wir haben es selbst oft erlebt, wie schwierig es ist, in den Bergen unterwegs zu sein und dort ein vegetarisches oder sogar veganes Essen zu bekommen“, erzählt Gerold Wirnitzer. Ein Missstand, der den Bergwanderführer, selbst Veganer und bis vor einiger Zeit in der IT-Branche tätig, auf die Idee brachte, Touren für Gleichgesinnte anzubieten. „Wir möchten Vegetariern, Veganern und solchen Wanderern, die es werden wollen, die Möglichkeit geben, ein entspanntes Wander-Wochenende zu verbringen“, erklärt der 43-Jährige. Und eben ein Wochenende ohne einfallslose und öde Beilagen-Teller, sondern eines mit einer Vielzahl an fleischlosen Köstlichkeiten – sei es im Hotel oder unterwegs in den Bergen.

Da der Österreicher und seine Frau Katharina selbst mehrere Hunde besitzen, lag es nahe, neben den gängigen Wandertouren auch solche für Tierliebhaber anzubieten. Die Resonanz gibt den beiden Recht. Kaum angeboten, waren alle Plätze ausgebucht. Neben Loona und Janine sind weitere zehn Teilnehmer und zwölf Hunde angereist. Das erste Kennenlernen von Zwei- und Vierbeinern auf der großen Wiese vor dem Hotel verläuft reibungslos. Es wird viel erzählt und geschnuppert. Die Stimmung ist ausgelassen, die Vorfreude steigt.

Rauf auf den Berg

Gestärkt vom großzügigen veganen Frühstücksbuffet, treffen sich alle am nächsten Morgen pünktlich um 9 Uhr vor dem Hoteleingang. Die Bedingungen könnten nicht besser sein. Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel und das Thermometer zeigt 18 Grad, als sich die Gruppe mit dem erfahrenen Bergwanderführer an der Spitze auf den Weg macht. Vom Hotel aus schlängelt sich der Weg einen ersten Hügel hinauf. Rechts spiegelt sich die aufgehende Sonne in den kleinen Pfützen, die der leichte Regen am Vorabend hinterlassen hat. Links erheben sich majestätisch anmutende Bergketten. Die Blätter rauschen im Wind, Vögel zwitschern und in der Ferne plätschert ein kleiner Fluss. Die Hunde huschen trittsicher über kleine Wurzeln und auf dem Boden liegende Äste. So auch Loona, die ein eifriges Tempo vorlegt.

Unter Leistungsdruck steht hier aber niemand. „Wir planen die Touren so, dass sie für alle leicht zu bewältigen sind“, erklärt Gerold Wirnitzer während er seine Schritte ein wenig drosselt. „Das Gelände hier ist so vielseitig, da ist für jedes Leistungsniveau eine entsprechende Route mit unvergesslichen Eindrücken zu finden.“ Und er hat es noch nicht ausgesprochen, da eröffnet sich den Wanderern hinter einer Kurve ein imposanter Blick über unfassbar große Almwiesen, übersät von Enzianen und Krokussen. Janine stoppt und zückt den Fotoapparat, als gerade ein paar Einheimische den Weg kreuzen. Ein freundliches „Griaß di“ später ist das Bild der imposanten Kulisse aber im Kasten.

Picknick mit Alpenpanorama

Kurz darauf ist Zeit für die Jause. Auf einer großen Picknickdecke wird alles ausgebreitet, was das (Veganer)Herz begehrt. Deftige Kleinigkeiten aus Tofu und Gemüse reihen sich an verschiedene Salate und vegane Käse-Sticks. Während Janine beherzt zugreift, darf auch Loona sich einige Leckereien aus ihrem Hunde-Lunchpaket schmecken lassen. Und danach heißt es: Beine ausstrecken und die Aussicht genießen. Der Blick hinunter ins Tal ist einmalig, wenn auch ein wenig duster. Inzwischen haben sich immer mehr Wolken vor die Sonne
geschoben. Die schneebedeckten Gipfel der Alpen sind nur noch schemenhaft im Dunst zu erkennen. Die kühle Brise aber tut gut und verschafft eine willkommene Abkühlung auf dem Weg zurück ins Tal, bei dem alle noch einmal die Blicke auf die schroffen Bergpanoramen, fruchtbaren Flusstäler und urigen Bergdörfer auf sich wirken lassen.

Interessante Vorträge

Am Abend nutzt Janine die Möglichkeit, dem von Katharina Wirnitzer angebotenen Vortrag zu lauschen. Die promovierte Sportwissenschaftlerin, die als Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Tirol tätig ist und laufend wissenschaftliche Publikationen über vegane Ernährung im Sport veröffentlicht, zeigt den Teilnehmern wichtige Aspekte der vegetarisch-veganen Ernährung auf und gibt hilfreiche Tipps für den Alltag. Und auch dabeiwerden die Vierbeiner miteinbezogen. Wer möchte, kann veganes Hundefutter testen, das Gerold und Katharina ihren eigenen Vierbeinern mit guten Erfahrungen seit Jahren bereitstellen. Eine weitere Nacht und ausgiebige Wanderung später, geht das erlebnisreiche Wochenende für Loona und Janine zu Ende. Beim Abschied sagt die junge Deutsche, dass sie wiederkommen wird. Und Loona bellt – fast so, als würde sie zustimmen.

Laura Kathrein Müller

Beitrag entnommen aus: VF 03-14