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Bild: Christian Bruneß

Mit Herz und Verstand

Olga sitzt an einem Tisch zwischen Kasse und dem Teeregal. Sie blinzelt ins Sonnenlicht, das ihr an diesem Tag ins Gesicht scheint. Betritt man das kleine Geschäft „Tante Olga“ in Köln-Sülz, tritt man ein in eine andere Welt. Eine bessere Welt, voller Ideale und Zuversicht. Einzelne Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die ordentlich und gut sortierten Regale. Schatten tanzen auf dem Fußboden umher. Die Stimmung ist freundlich und friedlich. Leise Musik, keine Werbung, keine Hektik. Man merkt schnell – dieses Geschäft möchte anders sein, möchte das gesellschaftliche und individuelle Konsumverhalten hinterfragen. „Das, was wir hier leben, basiert auf dem Prinzip der Reduktion. Weniger kaufen, weniger konsumieren. Dafür länger haben und länger halten“, sagt sie. Jeder der einmal aufmerksam seinen Tagesablauf beobachtet, vom Zähneputzen, über die frühmorgendliche Dusche, den Einkauf oder die Mahlzeiten, der wird merken: Es gibt kaum einen Lebensbereich, der keine Spuren in Form von Verpackungen, insbesondere Plastikmüll, hinterlässt.

„WEIL ICH WENIGER KONSUMIERE, BIN ICH ZUFRIEDENER GEWORDEN.“

Seit nunmehr fünf Jahren versucht Olga,so wenig Müll wie möglich zu produzieren und nach dem Zero-Waste-Prinzip zu leben. Sie hat dafür ihren gesamten Alltag, ihren Beruf als Architektin, kurz: ihr ganzes Leben verändert. Dass der individuelle Lebensstil Auswirkungen auf die Umwelt hat, war Olga schon vorher bewusst. Aber erst 2013 war sie bereit, ihre Ideale konsequent in die Tat umzusetzen. Seitdem hat sich viel getan. Sie hat den Blog zerowastelifestyle.de gestartet, hat das Buch „Ein Leben ohne Müll – Mein Weg mit Zero Waste“ veröffentlicht und gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Gregor und ihrer Freundin Dinah den ersten Kölner Unverpackt-Laden „Tante Olga“ eröffnet. Die dafür nötigen finanziellen Mittel hat das Trio mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne gesammelt. Mache Veränderungen hin zu einer Zero-Wastelerin sind nach und nach passiert, andere von heute auf morgen. „Ich habe beispielsweise noch nie eine Plastiktüte gekauft. Das war mir schon früher aus Kostengründen zu dämlich“, sagt die 34-Jährige und lacht. „Dann bin ich eher zufällig mal auf den Begriff „Zero Waste“ gestoßen, habe gesehen, dass es viele Menschen gibt, die so leben. Das wollte ich auch. Und dann ging es auch sehr schnell“.

Die Freunde und Familienmitglieder haben ganz unterschiedlich auf so einen, für manchen radikalen, Schritt reagiert. Sich immer wieder rechtfertigen zu müssen und schier endlose Diskussionen blieben dabei nicht aus. „Die häufigste Reaktion ist ‚Boah, das ist toll, aber ich könnt’ das nicht!‘“, berichtet Olga. Wobei das Verständnis wächst. Mittlerweile würde ihr Bekanntenkreis ihre Einstellung kennen und akzeptieren. Auch, dass sie keine materiellen Geschenke bekommen möchte, die sie im Zweifelsfall nicht braucht, hat sich herumgesprochen und wird respektiert. Verzicht ist für sie positiv besetzt, weniger Konsum ist gleichzeitig ein Mehr an Freiheit. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Weglassen von vielen Dingen und die Reduzierung auf das Wesentliche keinen Verlust bedeutet, sondern Entspannung mit sich bringt. Weil ich weniger konsumiere, bin ich zufriedener geworden“. Das sind Sätze, die nachhallen und hängen bleiben.

LUPINENKAFFEE UND DINKELREIS

Mutter geworden ist sie auch noch. „Es stimmt, ich habe quasi während des Crowdfundings mein Kind bekommen“, sagt die viel beschäftigte, aber gelassene Gründerin. „Aber wir wohnen direkt gegenüber. Das macht vieles einfacher.“ Vorträge, Workshops und Interviews kämen auch noch dazu. Außerdem hat sie Mitarbeiter eingestellt: Neben Gregor (Buchhaltung) und Dinah (Social Media, Einkauf), gibt es noch zwei Halbtagsangestellte und zwei Aushilfen. Olga selbst ist kaum noch im Ladengeschäft, sondern konzentriert sich auf Bildungs- und Aufklärungsarbeit. Dass Tante Olga auch ein Treffpunkt zum Informationsaustausch ist, war von Anfang an so gedacht. „Auch wir lernen viel von unseren Kunden. Das Konzept ist wirklich aufgegangen“. Das Geschäft bietet Artikel des täglichen Bedarfs an – verpackungsfrei, nach Fair Trade und bio-zertifiziert. Die Falafelmischung, die man sich in einem mitgebrachten Behälter oder einem im Geschäft erhältlichen Glas abfüllen kann, wurde aus deutschen Erbsen hergestellt. Der Lupinenkaffee stammt ebenfalls aus Deutschland. Olga kann zu jedem ihrer Produkte eine Geschichte erzählen. „Ich liebe den Dinkelreis. Den kann man essen wie Reis, kommt aber aus Deutschland. Er schmeckt extrem lecker und lässt sich umweltfreundlicher anbauen“, so Olga. „Wir haben auch viele Non-Food-Produkte. Den Rasierhobel finde ich besonders toll. Damit kann man wunderbar Einwegrasierer ersetzen. Top-Teil, hält für die Ewigkeit.“

SICH ETWAS TRAUEN

Obst und Gemüse sucht man bei „Tante Olga“ vergeblich – aus gutem Grund. Zum einen sei das Ladenlokal schlicht und einfach zu klein. Zum anderen kann man loses Obst und Gemüse an vielen anderen Orten bereits kaufen, so die Besitzerin. Sie würden aber mit der Solidarischen Landwirtschaft zusammenarbeiten. Mit einem monatlichen Beitrag bezahlen die Mitglieder einen Bauern aus der Region, der seine Ernte auf die Mitglieder aufteilt. Einmal die Woche kann man seinen Ernteanteil bei „Tante Olga“ abholen. Regionaler, saisonaler, sozialer geht es nicht. Und es bleibt kein Lebensmittel übrig, denn es wird restlos alles verteilt.

Das Einkaufen selbst ist einfach gestaltet. Schritt eins: Den mitgebrachten Behälter leer abwiegen. Schritt zwei: Behälter befüllen. Schritt drei: Bezahlen. Wer nichts zum Transportieren der Waren dabei hat, kann sich an einer Glassammlung bedienen, die andere Kunden im Laden abgegeben haben. Stoffbeutel gibt es ebenfalls. Man kann also auch spontan bei „Tante Olga“ einkaufen. Wer kauft hier ein? Gibt es eine Typologie des Unverpackt-Einkäufers? Den typischen Kunden, den gibt es hier nicht. „Es ist querbeet. Kinder kommen hier rein, alte Menschen. Vermehrt sind es junge Familien. Da merkt man schon, dass vielleicht ein neues Bewusstsein entsteht“, erläutert die junge Mutter. Vegetarier und Veganer sind auch angetan von dem Konzept, das größtenteils auf tierische Produkte verzichtet. Auf dem Bürgersteig vor dem Schaufenster stehen zwei ältere Damen. Sie schauen interessiert, „Es traut sich noch nicht jeder rein. Mancher würde sich das vielleicht gerne einmal angucken, verspürt aber eine Hemmschwelle. Wir freuen uns aber über jeden, selbst wenn man nur mal gucken und nichts kaufen möchte.“ Die Türglöckchen bimmeln, die zwei Frauen treten ein und werden von Olga mit einem freundlichen „Hallo“ begrüßt.

Text: Christian Bruneß